edition nautilus

Über ihr politisches Engagement sind Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires, der kämpferische Erfahrungen aus dem Pariser Mai 68 mitbrachte, vor 30 Jahren mehr zufällig als absichtsvoll in die Verlegerei hineingerutscht: zunächst durch die Herausgabe diverser Flugschriften unter dem Label MAD-Verlag, Materialien, Analysen, Dokumente, der sich nach einer Klage des gleichnamigen Satireblatts in Edition Nautilus umbenannte.
»Ein Gedicht kann genauso revolutionär sein wie ein theoretischer Text.« Getreu dieser Devise wurden neben Schriften der Anarchisten und Situationisten auch solche der Dadaisten und Surrealisten lanciert. Bald fanden auch die ersten Biographien, u.a. von Jacques Mesrine, Charles Mingus, Billie Holiday und Franz Jung, sowie unerschrockene Prosa junger Autoren wie Franz Dobler, Ingvar Ambjørnsen und Sean McGuffin Eingang ins Programm. Parallel dazu wurde die Werkausgabe von Franz Jung in Angriff genommen und 1997, nach 16 Jahren und zwölf Bänden, vollendet. Sehr zu Lasten der Verlagsökonomie, die in der Edition Nautilus stets um einige wenige Verkaufserfolge herum organisiert werden muß(te), allen voran um den zweisprachigen Silvester-Dauerbrenner Dinner for one. Nicht ganz so erfolgreich, aber ebenso unverzichtbar ist Die Aktion, eine der letzten streitbaren Zeitschriften für Politik, Literatur und Kunst.
Als »gutgelaunt und ein bißchen anarchistisch« charakterisierte der Reporter des Bergedorfer Wochenblatts das inzwischen fünfköpfige Verlagskollektiv, das nach der Veröffentlichung dreier Bücher von Karl-Eduard von Schnitzler plötzlich auch der Lokalpresse ein Porträt wert war. Diese absichtsvolle programmatische Grenzverletzung, keineswegs die erste im Lauf der Verlagsgeschichte, ging allerdings mit der Herausgabe von Abel Paz’ großer Durruti-Biographie einher.
Ein erfreulich zahlreiches Lesepublikum eroberten in den letzten Jahren auch die Bücher von Wiglaf Droste, Subcomandante Marcos, Inge Viett, Paco Ignacio Taibo II, vor allem seine Che-Guevara-Biographie, und Peter Hacks sowie einzelne Titel aus der »Kleinen Bücherei für Hand und Kopf«, inzwischen auf über 50 Bände angewachsen, etwa die Grotesken von Kurt Schwitters oder die Aphorismen von Francis Picabia. Dessen Aphorismus »Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann« gibt nach wie vor ein zuverlässiges Verlagsmotto ab.

 

 

empfehlungen:

Anna Maria Schenkel, Tannöd

Horst Stowasser, Anarchie!

Paco I. Taibo, Che Sonderausgabe